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Eine merkwürdige Analogie zwischen Deutschland und China während der Coronakrise. Vielleicht...

Immer wieder war ich in den fünf Jahren meiner Interviews in China auf der Suche nach dem goldenen Millionärs-Gral. Quer durch China. Besonders in den großen Städten. Weiß ich jetzt wie Business geht? Ja. Nein. Ein bisschen wie Monopoly. Wie Autofahren auf chinesischen Straßen. Temperamentvoll. Risikofreudig. Unsentimental. Wendig. Vollkommen pragmatisch, inhaltlich gerne beliebig und ganz wichtig: niemals den Blick vom Börsenhimmel lassen. Egal, ob der Taxifahrer im alten Audi oder der Businessmann im nagelneuen, extrem fortschrittlichen Elektroauto, sie alle haben eine Passion: Geld. Mehr Geld. Das Auto ist niemals groß genug, selbst dann, wenn sich die durchs Leben Manövrierenden mitunter konfuzianisch bescheiden geben und nichts als eine unauffällige, nur leicht duftende Blume sein wollen, sind, wenn man sie danach fragt. Ich fragte. Doch was für eine Zeit verschwendende Vorstellung.


Aber dann fand ich heraus, das Maß der Lebensbetrachtung, ja, des Reichtums, geht ganz anders. Heimlich und indiskret müsste die Frage aller Fragen lauten: Wie wertvoll ist mein Po? Und wo kann der hin, wenn er muss?


Für die Touristen ist es klar. Sie gehen kichernd auf die Halle der Harmonie, ihre Reiseleiter haben ihnen gesagt, das stille Örtchen nenne man genau so in China. Wie süß! Rufen sie. Tolle Sprache, so bildhaft, vornehm... und glauben nun, dass sie mittels jenes blumigen, wohl tönenden Klangs ihrem Geschäft eine ebenso blumige Note folgen lassen können. Sie sind Insider, zwinkern mit den Augen, und unterwegs mal müssen ist jetzt voll erhebend, poetisch, die mögliche Scham verflogen. Und so hören sie auch nicht die chinesischen Reiseleiter kichern, wenn sie die Tür hinter der Toilette schließen, welche sich diese Bezeichnung einfach irgendwann aus Spaß und eigens für die Touristen ausgedacht haben. Gemein, ja. Jedenfalls mein Dolmetscher hat mich erst Jahre später darüber aufgeklärt. Lachend. Schade. Nicht jede Wahrheit will man. Seither gehe ich wieder ohne Emotion und gewöhnlich aufs Klo. Bin immerhin froh, dass es in China überhaupt Klos gibt. Im fremden Land kann dies eine große Sorge sein. Es gibt sogar unglaublich viele, überall, nicht schick, meistens ein Loch, manchmal mit den Zutaten des Vorgängers darin, aber immerhin. Und soll es unter den Touristen in China Menschen geben, denen es zu Hause normalerweise peinlich ist, beim Klopapierkaufen im Supermarkt oder später auf der Straße mit dem Paket unterm Arm erwischt zu werden, dann ist China so etwas wie eine Konfrontationstherapie für sie. ...
Das habe ich also gelernt: Klos in China sind ein Thema, ein Statussymbol und ein Ort für Gefühle.


Klos UND Klopapier. Denn nicht nur öffentliche Toiletten entbehren das notwendige Papier, auch viele Restaurants. Und so gleicht es einem höflichen, man könnte sagen, konfuzianischen Ritus, wenn man dem, der sich von der Gruppe oder vom Esstisch mit deutlicher Absicht fortbewegt, schnell und zuvorkommend sein mitgebrachtes Toilettenpapier reicht, mit ihm teilt, auf die Serviettenbox neben den Tellern hinweist oder sich zumindest erkundigt, ob der andere selbst vorgesorgt hat. In der Regel hat er.

Da also die Toiletten in China zwar häufiger an der Zahl sind als anderswo, auf jedenfall häufiger als in Deutschland, immer kostenlos, aber nicht immer sehr vorteilhaft, wenn man unvorbereitet ist oder es gerne hygienisch hat, gibt es inzwischen auch eine Toiletten-App, die einen sicher durch Städte nach persönlichem Bedürfnis mit Lageplan navigiert. Je nach Geldbeutel und je nach Stand in der Gesellschaft kann man hier dann die Toilette seiner Wahl finden. Toiletten mit und Toiletten ohne Klopapier. In Fünf-Sterne-Hotels, Business- Lounges oder Edel-Malls zum Beispiel gibt es natürlich keine Löcher. Da gibt es aber manchmal Verwirrung. Wer weiß schon in besonders vornehmen Kabinen die komplizierten Knopftastaturen zu bedienen, die seitlich des gewärmten, protzigen Porzellansitzers angebracht sind? Ich nicht. Ich weiß noch nicht mal den richtigen Knopf fürs Spülen zu finden. Aber ich lerne ja erst noch zu verstehen wie man in China reich wird und gehöre nicht zu den Auserwählten. Wenigstens ist hier in der Regel Papier zu bekommen. Neuerdings in besonders high quality - Kabinen allerdings nur dosiert. Gesichtserkennung ordnet eine bestimmte Menge zu, keine sehr große, aber immerhin. Der Computer teilt konfuzianisch gerecht und spuckt auch erst nach drei Stunden eine weitere Ration für das wieder erkannte Gesicht erneut aus. Wer reich ist, braucht also nicht unbedingt vorsorgen. Außer der Rhythmus seiner von der Regierung vorgesehenen Notdurft erhöht sich.

Was ich daher verstehe: Die motorisierte Edelkarosse war gestern, heute ist es der Edelsitzer, der insgeheim die wahre Messlatte an die chinesische Gesellschaft anlegt und auf dem stillen Örtchen ein selbstzufriedenes Gurgeln hervor lockt, eines, das nicht von der Spülung kommt... Zur Elite gehört, wer bequem kann. Doch auch der kleine Mann zieht in seinem kleinen Zuhause seufzend einen hübsch flauschigen Stoff über seine Allerwelts-Klobrille und beginnt sitzend zu träumen. Die stille Größe. Ich bin deswegen der Überzeugung, die wahren Helden an der Spitze des chinesischen Wachstums sind nicht etwa Börsenspekulanten, nein, es sind die Erfinder dieser unsinnigen Knopftastaturen wie ich sie besonders in Shanghai in einem unerwartet, sehr kalten Winter bestaunen konnte. Klosetts mit ausdifferenzierter Waschleistung, diffuser Heizlüftung und auf jeden Fall Funktionen, deren Bedienung sich mir nie erschlossen haben, die aber, - das wäre allerdings auch möglich-, nur deswegen erfunden wurden, weil Südchina im Winter ohne Heizung auskommen muss und dann ein so vorzügliches Design zum einzig warmen Ort weit und breit werden kann. Natürlich nur für den Reichen oder den Toursiten. Also, wenn die Kasse stimmt und es untenrum zugig wird: Einfach mal hockend kräftig auf einem Nobelsitzer durchwärmen. Geht schnell. Hilft vielleicht. Und macht reich? Wen? Genau. Jetzt weiß ich, womit ich in China Millionärin werde!

Und, es liegt auf der Hand... wer ist (gut, neben der Toilettenpapierindustrie) dieser Tage King in Deutschland? Richtig. Die Klopapierjäger. Woanders hängt in der Corona-Krise der Himmel voller Kondome. Oder Rotwein. In Deutschland ist dagegen statt Papier zum Zahlen, Papier zum Abwischen die neue Währung. Interessant wie schnell das big money verschwindet, die Parameter sich ändern und es dennoch Verlierer und Gewinner gibt. Die mit und die ohne Klopapier. Mehr muss man eigentlich gar nicht sagen. Leider gehöre ich nicht zu den Kings, habe nicht gehamstert, hatte auf die Solidarität vertraut. Die ist auch da. Außer halt bei der Klorolle ... nur, was sagt das über unsere Mentalität aus? Vor was genau haben wir Angst? Was priorisieren wir im Leben? Und kann ich dem Lächeln eines mir sonst nicht so freundlich gesonnenen Nachbarn auf der Straße trauen? Ist er vielleicht nur eine hungrige Klopapierseele, die lauert? So wie ich. Der aktuelle Reichtum... man sieht es den Leuten ja nicht an... wie der Benz des Schwaben, den er in der Garage versteckt, quasi im Einzelstück hortet. Das ist halt Marktwirtschaft. Wer hat, der kann. Und auch nicht anders als die emsige Vision des kleinen, ebenfalls unsichtbaren Einwanderers Covid 19, der sich hinsichtlich der Ansteckung konfuzianisch sehr darum bemüht, möglichst alle gleich zu behandeln und jedem gerne etwas von sich abgibt. Aus Eigeninteresse? Ach so, die sozialistische Martkwirtschaft. Doch etwas gekränkt muss der Virus sein. Eer hätte gedacht, dass die Angst vor dem Tod geringer ist als die Angst vor einem Mangel an Klopapier? Mir bleibt jedenfalls inzwischen nur noch das Improvisieren und, - ja, das gibt es jetzt auch schon-, für die Armen oder Dummen oder Idealisten (je nach Auffassung!) der Klopapierrechner im Internet: ... verfügbare Rollen geteilt durch Toilettengänge pro Tag.... oh je! Das Leben wird kurz sein. Ich glaube, wenn ich das nächstes Mal wieder in China sein sollte, falls mich das Toilettenfieber der Menschen nicht dahinrafft, erzähle ich allen Ausländern dort, dass die Toilette übersetzt Halle der Harmonie heißt. Ich beharre darauf. Und dann öffne ich meinen Sack, einen sehr großen Sack, und schenke jedem sofort eine Klorolle. Vielleicht auch eine Podusche. Und insgeheim, aber auch wirklich nur dafür, finde ich die Gesichtskennung auf der Toilette irgendwie sehr sinnvoll. Vielleicht. Manchmal. Ich habe ja dann den Sack.

©️ Simone Harre

www.simoneharre.com

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