· 

Psychiatrie in China - wie geht das?


 

Psychiatrie in China - ein Geschichtsabriss

 

Noch bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde in China das Beschreiben psychischer Symptome in die Dämonenheilkunde und Entsprechungsmedizin eingeordnet. Ein Zuviel an Yang oder eine Zunahme an Yin und schon konnten Dämonen ungehindert in den Menschen eindringen, um dort einen ordentlichen Dämonenwahnsinn anzurichten. Wieder los werden konnte man Dämonen nur, wenn man den Körper mittels Techniken und Kräuter der TCM wieder in das richtige Gleichgewicht zu bringen vermochte. Vorausgesetzt man verfügte über ein stabiles, quasi erfahrenes, Herz, denn das Gehirn als Sitz des Denkens war unbekannt. Es gab also schon im alten China Beschreibungen von Symptomen psychischer Dysfunktionen, man ordnete sie jedoch anders zu.

 

Nun war das im Westen gar nicht viel anders. Schaut man zum Beispiel in die Bibel, wird man darin unterrichtet, dass Jesus Wahnsinnige heilte, indem er nach Jesusart die Dämonen aus dem Körper der Betroffenen jagte und sie hernach einem armen Schwein auf den Hals hetzte, was auch irgendwie nach einer Art von Entsprechungsmedizin klingt. Gut, schon lange her. Und doch waren es gerade die christlichen Missionare, - nicht Mediziner -, welche Ende des 19. Jahrhunderts in China ein Auseinandersetzen mit westlichen Medizinkonzepten in Gang setzten konnten. Schon 1889 eröffnete in Guangzhou das erste Krankenhaus für psychische Erkrankungen. Weitere folgten Jahre bis Jahrzehnte später in Beijing, Suzhou, Shanghai und noch später 1947 in Nanjing. Behandelt wurden dann aber wieder nicht Geisteskrankheiten, sondern Opiumabhängigkeit, Syphilis, Landstreicherei und Konkubinat, bzw. die Folgen davon und so waren diese Krankenhäuser vor allen Dingen ein Hort für Obdachlose und aus der Gesellschaft Gefallene. Die erste Periode psychiatrischer Entwicklung ging auf deutsche Neuropsychiater und auf das Studium chinesischer Studenten im deutschen Ausland zurück. Aber ab 1933 und mit Beginn des Nationalsozialismus gingen die Chinesen lieber auf amerikanische Hochschulen und lernten so Psychoanalyse frei nach Freud kennen. Es gab gewaltige, geradezu revolutionäre Denkanstöße, und doch blieb die Psychiatrie weiterhin das schwächste Glied im chinesischen Gesundheitswesen. Zu fest verankert zeigte sich der Glaube an die Volksmedizin und zu sehr zerrte die Politik im Land an Leben und Gesinnung. Ein starker Einfluss dieser Zeit war auch die UDSSR, welche in den Augen Chinas politisch ausgesprochen innovativ daher kam. Sie brachte Lenin und Marx mit und hatte sogar einen medizinischen Star. Nämlich Iwan Petrowitsch Pawlow. Die Lehren dieses russischen Nobelpreisträgers, Mediziners und Physiologen, der außer an den Verdauungsdrüsen auch im Bereich der Reflexe, also der Wechselwirkung von Körper und Nervensystem, forschte, wurde in der chinesischen Psychiatrie bald maßgeblich und verdrängte die westliche, inzwischen ohnehin als reaktionär und gefährdende, Psychologie schließlich ganz.

 

Ebenfalls nach russischem Vorbild begann ab 1932 die Geschichte der Forensischen Psychiatrie in China. Diese Einrichtung wurde nebst Unterbringung psychisch kranker Straftäter, vor allem ein Gewahrsam für „Abweichler“, Menschen, die öffentlich Kritik am bestehenden Regime äußerten. Die gängige Diagnose jener bedauernswerten Menschen war wahlweise Schizophrenie oder paranoide Psychose. Die Gesellschaft vor ihnen zu schützen war natürlich notwendig. Und praktisch. Ohne Prozess. Ohne Rechtsbeistand. Und das Beste: Auf unbestimmte Zeit. Jene sehr effektive und saubere Methode hat sich bis heute so beibehalten. Besonders viele Geisteskranke, wie seltsam, hatte China während der Kulturrevolution (1966-76). Die Lösung zur Heilung der „mentalen Störungen“, also der „ideologischen Probleme“ war glücklicherweise denkbar einfach und gelang direkt mittels des Studiums der Lehren Mao Zedongs. Erst mit der Öffnungspolitik unter Deng Xiaoping konnte die Maobibel als Erstmedikation beiseite gelegt und wissenshungrige chinesische Studenten wieder ins Ausland entsandt werden. Tatsächlich steht heute die chinesische Psychiatrie voll und ganz im Konzept der westlichen Terminologie und ist somit dem internationalen Standart angeschlossen. Auch gibt es inzwischen Lehrbücher und klare Regeln. So ist zum Beispiel festgeschrieben, wie die Aufnahme eines Patienten zu verlaufen hat. Vertrauensvolles Gespräch in entspannter Atmosphäre zu Beginn, Einordnung in soziales Umfeld, Vertiefung und Klärung der Symptome im Verlauf und Zusammenfassung am Ende. Alles in einem Zeitrahmen von 20-45 Minuten und, wenn gewünscht, unter ärztlicher Schweigepflicht. Erst danach erfolgt als erste und zumeist einzige Handlung die Medikation. 2005 wurde sogar ein Zehnpunkteplan aufgestellt, der die moralischen und ethischen Standards im Umgang mit den Patienten auflistet, welche die Würde des Patienten und das grundsätzliche Menschenrecht in den Vordergrund stellen. Nachfolgende Psychotherapie gibt es selten. Zu teuer, zu wenig geschult. Ein Angebot an Rehaprogrammen wie Tanz-, Musik- oder Sporttherapie und vieles andere mehr, gibt es zwar, jedoch nur für zahlungskräftige Patienten. Mitunter wird hier sogar der Vorwurf laut, man nütze den Patienten als Einnahmequelle aus. Die Psychologische Betreuung ist aber so oder so weder auf höchstem Niveau, noch in der Gesellschaft angesagt, doch Hilfe bekommt man an vielen unterschiedlichen Orten. Es gibt zum Beispiel Gesundheitsämter, Wohlfahrtswerke, Nachbarschaftskomitees, Privattherapeuten, ganz klassisch ein Allgemeinkrankenhaus mit der Fachabteilung für mentale Gesundheit oder ausschließlich psychiatrische Einrichtungen. Noch immer ist die Schizophrenie die meist gestellte Diagnose und gilt für mehr als 80 Prozent der Patienten. Einziger Unterschied: Es lässt sich inzwischen ein Anstieg leichter psychischer Störungen verzeichnen. Nach der SARS- Epidemie von 2003 hat man das Gesundheitssystem gehörig reformiert, auch die Psychiatrie, doch die Unkenntnis im Volk über die Psyche des Menschen und das gesellschaftliche Stigma bleiben hartnäckig.

 

Eine mentale Störung ist weiterhin meist keine Krankheit, sondern eine üble Charakterschwäche und schlechte Veranlagung, die auf die Eltern zurückzuführen ist, frei nach der chinesischen Redensart: „Wenn ein Sohn nicht instruiert wird, ist das der Fehler des Vaters!“ In dieser Hinsicht lässt sich leicht verstehen, warum der chinesischen Regierung etwas daran liegt, in jeder großen Stadt eine sogenannte Ankang-Klinik, eine Polizei-Psychiatrie, einzurichten. Ankang heißt so viel wie Frieden und Gesundheit für die geistig Kranken und ist ein Begriff, der 1987 von der Kommunistischen Partei eingeführt wurde. In vielen dieser Kliniken sitzen jedoch hauptsächlich politisch Gefangene bzw. politisch Ungehorsame, die ohne mental krank zu sein als geisteskrank verurteilt werden, um ihre Meinung und den Menschen dazu vom Markt zu nehmen. Sehr oft handelt es sich dabei nur um einfache, kleine Bittsteller, die wegen eines erlittenen Unrechts eine Beschwerde an die Regierung richteten oder um die FalunGong-Sekte, die man so gar nicht mag.

 



Es interessierte mich nun brennend, wie es um die Psyche und ihre Behandlung in China heute wirklich aussieht. Daher habe ich unterschiedliche Menschen zu diesem Thema aufgesucht. Hier bin ich in einer Klinik in Beijing.

 

 

 

Warum Zhang Xiaoqian Psychiaterin geworden ist? Zufall. Sie wollte in der Nähe ihres Mannes sein, der ist Arzt in einer anderen medizinischen Abteilung. Und vielleicht wegen ihrer Kindheit, sensibilisiert in einem Elternhaus, in dem der Wert ihrer eigenen Person zerrieben wurde und lange unterging.

 

 

Zhang Xiaoqian, 33 Jahre, Psychiaterin

 

Psychologie ist also etwas, das in Chinas Geschichte, Medizin und Mentalität wenig Wurzeln hat und auch heute noch immer etwas verloren im luftleeren Raum schwebt. Zwar bemüht man sich um den internationalen Standart und versucht das westliche Denken zu verstehen, doch wie sieht das in Wirklichkeit aus? Und wie viel ist ein Mensch wert, der in China über Familie oder Geld definiert wird? Ich bin gespannt. Eine junge Frau und Psychiaterin, Zhang Xiaoqian, hat uns in die Klinik eingeladen, in der sie arbeitet. Diese Klinik, tief im Westen Pekings gelegen, nennt sich „Clinical Neuroscience Institute Tsinghua University“, ist also eine Klinik, die der Universität angehört. Wir durchlaufen viele Flure und treffen endlich in der Abteilung Clinical Psychology auf Zhang Xiaoqian. Die junge Frau im weißen Medizinerkittel ist studierte Ärztin, spezialisiert auf Medizinische Psychiatrie und hat zusätzlich eine dreijährige Ausbildung in Psychologie hinter sich. Die Spezialisierung auf Psychologie war jedoch mehr Zufall. „Mein Mann hat an dem Krankenhaus hier gearbeitet“, erklärt Xiaoqian. „Er ist Chirurg, entfernt Krebs. Und ich wollte in seiner Nähe sein.“ Zusammen betreten wir ihren Arbeitsbereich, bestehend aus einem kleinen Vorraum mit Tisch und einem schmalen Behandlungszimmer mit technischem Gerät. Es geht hektisch zu. Die Türen gehen immer wieder auf und zu, Menschen legen Papiere ab und verschwinden. „Ich muss gleich einen Notfall behandeln“, warnt Xiaoqian schon mal bedauernd und mit einem Blick auf ein Papier vor, bittet uns aber dennoch auf den eng zusammengerückten Stühlen Platz zu nehmen.

 

Wir befinden uns auf einer offenen Station. Die Abteilung ist klein. 20 Betten. Zehn Ärzte. Die Leiden hier heißen: Angst, Schizophrenie, Depression. Die Behandlung erfolgt durch Medikation, manchmal nachfolgend gibt es Pyschotherapie nach Freud. Dann wird die Kindheit wichtig, das Unterbewusstsein, der Traum. „Doch die meisten Menschen schämen sich“, sagt Xiaoqian. Sie erzählen nicht gerne. Und das Krankenhaus ist kein geborgener Ort. „Deswegen sind sie froh, wenn sie einfach nur ein paar Medikamente bekommen. Und dann schnell wieder gehen können.“ Die Erfolgsquote liegt allerdings auch nur bei etwa einem Drittel der Patienten. Allgemeine Besserung aber immerhin bei 90 Prozent. Andererseits ist das Krankenhaus billiger.

 

Gerade mal 80 Yuan zahlt man für ein therapeutisches Gespräch, in einer Privatpraxis dagegen stattliche 500 Yuan. Wer in Peking wohnt, muss im Krankenhaus nichts zahlen. Und wer sich quasi selbst einweist, meldet sich an der Rezeption an, wird dann untersucht... die Tür geht abermals auf... und landet dann hier, so wie diese junge Frau, die zögerlich eintritt. Der Notfall ist da. Xiaoqian springt auf und führt die Frau nach hinten in das schmale Behandlungszimmer. Die Tür bleibt offen. Wir sollen ihr folgen. Das tun wir. Doch sehr zurückhaltend. Es muss sehr schamhaft für die junge Dame sein, die sich nun auf einen Stuhl setzen muss. Sie hat einen Pferdeschwanz und trägt einen hellen, leichten Mantel, den sie nicht ablegt, folgt ansonsten stumm allen Anweisungen der Ärztin. Ohne jegliche Kommunikation beginnt Xiaoqian mit ihrer Arbeit. Sorgsam legt sie Dutzende von Elektroden eng am Kopf der Patientin an. „Das ist wie eine Kernspin“, erklärt sie, „nur angenehmer, ein ganz modernes Verfahren, gibt es nur hier“. Mittels Rotlicht werden gleich spezifische Gehirnaktivitäten durch lange Kabel an einen Computer weitergeleitet. Die Patientin bekommt Bilder zu sehen und eine Software wertet aus, auf welche Stimulationen wie und wo im Gehirn reagiert wird, ob es sich bei der Störung um eine Aggression oder Depression handelt und wie stark diese ist. Wir ziehen uns wieder zurück. Die Patientin bleibt ab jetzt in mehreren fünf-Minuten-Intervallen alleine den Reizen ausgesetzt. „Dieses Verfahren ist zwar nur ein erster Richtwert, aber sehr nützlich“, findet Xiaoqian, „denn manche Patienten öffnen sich nicht gern. Und deswegen wird es bei der Erstaufnahme allen empfohlen.“ Xiaoqian verdient im Monat mit ihrer Arbeit zwischen 6000 und 10.000 Yuan. Sie hat ein festes Gehalt plus Honorar, welches sich aus der Anzahl der Patienten ergibt, die sie bewältigt. Psychotherapeutische Sitzungen, man kann es sich denken, sind also wirtschaftlich wenig lukrativ. Auf der Hierarchieleiter befindet sich Xiaoqian von vier Stufen noch zwei Stufen vom Chefarzt entfernt. Will sie mehr Geld, muss sie außer Haus arbeiten. Zum Beispiel mit Unterricht. Das tut sie. „Ich bin zufrieden mit meiner Arbeit“, sagt Xiaoqian. „Die Abteilung ist nicht so groß und ich habe genug Freizeit. Allerdings muss man viel negative Energie aushalten und der Zulauf der Patienten wächst stetig.“ Was allerdings auch positiv zu verstehen ist, denn es zeigt, dass allmählich doch ein Bewusstsein für das Mysterium Psychotherapie in der Gesellschaft wächst. „Die meisten Menschen, die zu mir kommen, suchen Zuwendung. Viele sind gestresst. Und eine große Zahl der Patienten ist erst Ende zwanzig“, fährt Xiaoqian fort. „Sie können ihre Kinder nicht verstehen. Es geht denen doch gut, wir schlagen sie nicht, sagen sie.“ Doch auch das kann man positiv verstehen. Die Sensibilität ist nicht da, aber der Wunsch, es zu verstehen. Das ist schon viel. Leider sind es zumeist nur Frauen. Xiaoqian selbst hat noch nie richtig eine Therapie gemacht, nur eine Beurteilung bekommen.

 

Dabei hängt ihr die Kindheit noch am Bein. „Meine Eltern haben sich oft gestritten und meine Mutter hat versucht mich auf ihre Seite zu ziehen, war kontrollierend und hat meinen Vater schlecht gemacht, oft auch mich“, erzählt sie freimütig. „Ich habe alles erduldet.“ Erst an der Uni konnte sie beginnen sich selbst zu definieren. „Doch noch heute mangelt es mir an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen und ich wundere mich oft, dass ich dennoch positiv bin und lieben kann.“ Auf jeden Fall aber hat ihre eigene emotionale Geschichte sie gelehrt, frei nach Freud und ohne Kindermädchen, gut und achtsam auf ihre eigenen Kinder aufzupassen, auf deren Nöte und Entwicklung. „Sie sollen selbstbestimmt aufwachsen“, sagt Xiaoqian und möchte ihnen ein Vorbild sein, indem sie zeigt, dass man auch als Mutter arbeiten gehen kann. Kraft und Erkenntnisse nimmt sie ebenfalls von ihrer Arbeit. „Ich komme jetzt besser mit mir selbst klar und achte auf zwischenmenschliche Grenzen“, sagt sie. Alles ist gut, findet sie. Ihr Mann, ihre Kinder, eine harmonische Familie, die Arbeit, das ist ihr Glück. Aber es ist auch ihre Angst.

 

„Ich kenne viele Scheidungskinder und ich habe Angst davor, dass das meinen Kindern auch passieren könnte.“

 

Doch noch ist sie jung und wird jungen Menschen weiterhin versuchen auf die Spur helfen. Mehrfach wird unser Gespräch durch die Behandlung der stummen jungen Frau unterbrochen. Erst als die Daten alle auf einem Papier gesammelt sind, darf die Frau gehen. Der nächste Schritt wartet nun auf sie. Xiaoqian nützt diesen Moment, um uns die Station zu zeigen. Wir laufen durch einen Klinikflur und sehen trostlose Zimmer mit Gitterbetten, doch auch liebevolle Interieurs. Aufenthalts-und Besprechungsräume, Spielzeug für Therapie und ein gemaltes Loch an der Wand. Wald dahinter. Freiheit. Die hat man hier auch bitter nötig. Wir fliehen bald. Nein, das ist ein kein Ort in China, an dem man sein möchte.

 

 

 


©️ www.simoneharre.com

Kommentar schreiben

Kommentare: 0