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Volker Müller: Gedanken über nationale Fröhlichkeit in China

 

NATIONALE FRÖHLICHKEIT

 

„Sieh mal, was ich dabei habe!”

 

Y., meine bessere Hälfte, zaubert zwei chinesische Nationalfähnchen und einen Satz Aufkleber „我爱中国“ (ich liebe China) aus ihrem Rucksack.

 

„Zwei Mal war ich letzte Woche im Einkaufszentrum, am ersten Tag war alles ausverkauft, beim zweiten Mal hatte ein Laden noch Nachschub reinbekommen.“

 

1.Oktober, chinesischer Nationalfeiertag. Auf unserer Urlaubsreise machen wir einen Zwischenstop in Almaty (Kasachstan). Trotz Ferien haben wir den Wecker auf 6.30 Uhr Ortszeit gestellt, um im Fernsehen die große Parade zum 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik mitzuverfolgen. Letzter Aufruf zum Frühstück, unter dem Grinsen anderer Gäste schmücken wir unseren Tisch mit chinesischen Fähnchen. Ein Blick auf mein Handy, der WeChat Freundeskreis ist voll mit Berichten über die Parade, ist lade schnell ein Foto von unserem Frühstückstisch hoch und in wenigen Minuten werde ich mit „likes“ überschüttet.


Dann erkunden wir die Stadt, mit China-Fähnchen auf den Tagesrucksäcken. Gefühlte 57 Mal erklären wir, dass heute Nationalfeiertag in China sei und wir gute Laune haben. Die Medien in Deutschland werden von Nationalismus in China schreiben. Nein, Nationalismus ist das nicht. Die Stimmung ist ausgelassen, nicht aggressiv, gegen niemanden gerichtet. Die Fröhlichkeit ist anstecken, inklusiv, jeder kann mitfeiern, Herkunft und Hautfarbe spielen keine Rolle.
Nationalstolz, in gewisser Weise ja, Stolz auf das Erreichte, ohne Marschallplan oder Aufbauhilfen, rein durch eigene Arbeit erschaffen.

 

Y. wurde in den 60ern in einem von der Welt vergessenen, bitterarmen Fischerdorf geboren. Mit knapp 20 die erste Fahrt in die Provinzhauptstadt Guangzhou (Kanton), eine Tagesreise, an jedem Fluss musste sie auf die nächste Fähre warten. Heute steht an der Stelle des Dorfes eine moderne Großstadt mit top-Lebensqualität, über eine Brücke ist man in 30 Minuten in Hongkong, mit der Schnellbahn in einer Stunde in der Provinzhauptstadt. Wie selbstverständlich erkunden wir die Welt, bald jeden Monat kommt eine Nachricht, dass ein weiteres Land auf Visa für chinesische Urlauber verzichtet. Eine Kollegin bringt es auf WeChat treffend auf den Punkt: ihr persönliches Schicksal, ihr gutes Leben sei untrennbar mit der Entwicklung, mit dem Aufstieg Chinas verknüpft.


Patriotismus? Der Begriff ist mir zu angestaubt, ich drücke es so aus: heute ist China in einem Zustand „nationaler Fröhlichkeit“. Wir sind glücklich so zu sein, wie wir sind. Gegen Abend, unsere Reise geht weiter Richtung Kaukasus, im Flughafenbus treffen wir ein paar andere Chinesen, auch sie haben Fähnchen dabei. Wir verteilen die letzten „Ich liebe China“ – Aufkleber, machen ein paar Selfies mit wildfremden Menschen. 国家, der Staat, das Land ist wie eine große Familie, eine uralte Lehre von Konfuzius. Der Tag heute hat etwas davon.
 
 
Volker Müller

Volker Müller (米福), geboren 1959, Dipl.-Ing. Elektrotechnik, ging 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Universität Chongqing, die Stadt, die ihn prägen sollte. Nach einigen Jahren in Shanghai lebt er seit 2000 in Beijing. Motto: „32 Jahre China und keinen einzigen Tag bereut“. Die letzten 20 Jahre arbeitet er im Bereich Medizinische Produkte. In seiner Freizeit übersetzt er chinesische (Reise-) Literatur ins Deutsche.
 

www.simoneharre.com

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