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Manfred Görk: Gedanken über Menschenrechte in China

 

September 2019, Manfred Görk

 

Warum schreibe ich über dieses Thema? Wahrscheinlich bricht ein Sturm der Entrüstung über mich ein, aber es muss sein. Jetzt. Zum 70. Jahrestag der Gründung der VR China!

 

Wir beobachten immer wieder, dass westliche Medien und Politiker schnell mit der Aussage „China missachtet die Menschenrechte“ bei der Hand sind. Manche fügen „eklatant“ hinzu. Dabei nehmen sie für sich in Anspruch,aus ihrer westlichen Sicht zu definieren, was Menschenrechte sind, ja sie schwingen sich dazu auf, darüber zu urteilen, in welchem Maße andere Länder diese einhalten. Dabei reden sie besonders gerne über China. Leider belassen sie es allzu oft bei dem plakativen Begriff, anstatt ihn auf einzelne Bestandteile herunterzubrechen. Warum? Weil ihre pauschalen Urteile dann leicht ins Wanken geraten würden.

Die chinesische Regierung veröffentlichte vor Kurzem ein Whitepaper zu dieser Thematik. Das macht sie übrigens öfter, zu unterschiedlichen Themen. Ich unternehme hier den Versuch, die zentralen Aussagen mit meinen Worten wiederzugeben.

 

 

Um über Menschenrechte zu urteilen, muss man die Ausgangssituation im Jahr 1949 kennen, denn die war völlig anders, als die in den westlichen Staaten, trotz des 2. Weltkrieges. In Stichworten: 100 Jahre Bürgerkriege, Besatzung und Ausbeutung durch eine ganze Armada von Kolonialmächten (incl. Deutschland), millionenfacher Massenmord am chinesischen Volk durch Japaner, Lebenserwartung: 35 Jahre, 80% Analphabeten, Land-Lords hielten die Bauern wie Sklaven, keine Frauenrechte, Arbeitnehmerrechte, soziale Sicherungssysteme, Krankenversorgung, kaum verfügbare Infrastruktur und einiges mehr. Mit anderen Worten: tägliches hartes Arbeiten, ohne Maschinen, um gerade so zu überleben. Das galt für 90% der Bevölkerung.

 

Die chinesische Regierung betont, dass sie zu den universellen Menschenrechten steht, bei deren Entwicklung aber nationale Ausgangssituationen und Bedürfnisse zum Tragen kommen müssen. Ihre übergeordneten Ziele sind:

 

  • Die riesige Aufgabe der sozialen Transformation vom „Nullpunkt“ hin zu einer moderat wohlhabenden Gesellschaft (im Jahr 2021) unter stetiger Einbeziehung folgender Aspekte: ökonomischer, politischer, sozialer, kultureller und ökologischer Fortschritt.

  • Abwesenheit von Armut und Hunger. Recht auf Existenzminimum und permanente Weiterentwicklung des Lebensstandards.

  • Balance zwischen kollektiven und individuellen Rechten. Das Kollektiv ist ein wichtiger Faktor im chinesischen Sozialgefüge.

  • Alle Bürger sollen ein glückliches Leben führen können. Schauen wir auf einige Details:

 

  • Recht auf ausreichende Nahrung und Wasser: Heute ist das für mehr als 95% der Bevölkerung gegeben,    1949 hatten 95% keinen Zugang dazu.

  • Recht auf Wohnen: 1949 lebten Hunderte von Millionen noch in primitiven Hütten. Seitdem wurden mehr als 100 Millionen Wohnungen gebaut. Die Wohnfläche pro Person stieg um das Fünffache.

  • Abfallentsorgung: Heute für 84% der Bevölkerung erreicht, der Startpunkt war nahe 0%.

  • Öffentlicher Transport: Schienen- und Straßennetz wurde landesweit aufgebaut, heute hat China das weltweit größte High-Speed Bahnnetz, 99,9% der Dörfer haben Anschluss zum Straßensystem. 1949 gab es im gewaltigen ländlichen Raum keine Straßen, nur unbefestigte Wege.

  • Gesundheitsversorgung: Anstieg der durchschnittlichen Lebenserwartung von 35 auf 77 Jahre.

  • Flächendeckender Zugang zu medizinischen Leistungen. Ein aus unserer Sicht Randaspekt: Aufbau eines nationalen Fitnessprogramms: über 3 Millionen öffentlich zugängliche, kostenfreie Fitnesseinrichtungen.
  • Telekommunikation: Für alle verfügbar, darunter 90% Breitband-Internet.
  • Arbeitnehmerrechte: Geringe Arbeitslosigkeit, Equal-Pay (Frauen, Männer, gleiche Tätigkeit), Recht auf Freizeit und Urlaub. Stufenweise Entwicklung eines Sozialversicherungssystem)
  • Bildung: 1949 besuchten 20% der Kinder (unregelmäßig) eine Grundschule, 3% eine Mittelschule.
    Heute sind es in der Grundschule 99,95%. Die durchschnittliche Schulausbildung dauert mehr als 9 Jahre. Es gibt über 40 Millionen Studenten.
  • Zugang zu kulturellen Services: 1949 nicht vorhanden, heute für jedermann ohne großen Aufwand:
    Fernsehen, Bibliotheken, Museen etc.
  • Service-orientierte Verwaltung: einfacher Zugang für alle administrativen Alltagsprozesse für jedermann.
    1949 gab es, um das zu illustrieren, nicht einmal Geburts- oder Heiratsurkunden.
  • Umweltschutz: bessere Luft, sauberes Wasser. Immer noch ein nicht gelöstes Problem, aber erhebliche
    Fortschritte in den letzten 5 Jahren. Experten trauen China zu, ihre Ziele des Pariser Klimaabkommens vorzeitig zu erreichen.
  • Daseinsfürsorge für alte Menschen: Rentenzahlungen, Förderung häuslicher Pflege.
  • Schutz für 55 ethnische Minderheiten: Sprache, Kultur, auch in Administration, Rechtssprechung und Presse.
  • Religionsfreiheit, soweit die Religionsausübung gesetzeskonform ist. Klare Trennung zwischen Religion und Staat als politisches Gefüge.
  • Kinderrechte: Die Kindersterblichkeit lag 1949 bei 200 von 1000, heute sind es 6 von 1000.
 

Es werden auch die Begriffe Demokratie und unabhängige Rechtsprechung aufgeführt. Dabei wird betont, dass man hier auf einem langen Weg sei, der 2049, zum 100. Jahrestag der VR China, zum Abschluss kommen soll. Das sind sehr komplexe Themen. Ich würde es gerne sehen, Experten die Beurteilung zu überlassen.

 

Schließlich wird darauf hingewiesen, dass China, trotz des enormen Aufwandes im eigenen Land, durch humanitäres, finanzielles und ökonomisches Engagement in anderen Entwicklungsländern mithilft, auch dort eine glückliche Gesellschaft aufzubauen.

 

 

Überlassen wir es der chinesischen Bevölkerung, zu beurteilen, ob sie mit dem Engagement ihrer Regierungs-institutionen zur Entwicklung und Verbesserung der Menschenrechte zufrieden sind. Sie wissen sehr wohl, dass das, was in 70 Jahren erreicht wurde, in westlichen Gesellschaften mehrere Jahrhunderte dauerte. Sie wissen auch, dass noch 30 Jahre vor ihnen liegen, um den chinesischen Traum, zu realisieren.

 


In meinem Roman „Luluba – Geschichte einer chinesischen Bauernfamilie“ kann man sehr schön miterleben, wie sich das Leben einer Familie zwischen 1930 und 2018 ganz konkret entwickelt hat. Jeder der oben genannten zunächst abstrakt erscheinenden Aspekte hat ihr Leben bestimmt und verändert. Sie kannten keines dieser Menschenrechte im Jahr 1949. Doch dann haben sie die Entwicklung dieser Rechte am eigenen Leib erahren, nicht immer geradlinig, aber

stetig.

 

Deshalb empfehle ich allen Interessierten, diesen Roman zu lesen. Die oben eher akademisch geschilderte Analyse wird darin zum spannenden, in vielen Aspekten unbekannten Ritt durch 70 Jahre Entwicklung der VR China. Trotzdem ist es kein politisches Buch.




Manfred Görk, 1954 geboren, studierte Volkswirtschaft und lebt heute bei Heidelberg. Er war über viele Jahre in internationalen Projekten bei SAP tätig, die ihn rund um den Globus führten. Dabei lernte er andere Lebensformen und Kulturen kennen und schätzen. Nach seiner beruflichen Karriere wendete er sich dem Schreiben zu.
2008 reiste er das erste Mal nach China. Ihn packte das Verlangen, dieses Land zu verstehen. Er reiste seitdem mehr als 20 Mal nach China und lernte Menschen aus unterschiedlichen Provinzen und Generationen kennen. Daraus entstanden Freundschaften und Beziehungen. Er ist ein ausgesprochener Kenner Chinas und macht das Leben in diesem riesigen und vielfältigen Land zum Inhalt seiner Bücher und Videofilme. Es ist ihm ein Bedürfnis, Brücken zwischen China und dem Westen zu bauen und den Lesern ein Bild vom chinesischen Alltagsleben zu vermitteln, das in der üblichen medialen Berichterstattung oft verfälscht wiedergegeben wird. Aus seiner Freundschaft mit einer chinesischen Bauernfamilie ist sein Roman „Luluba“ entstanden, der auf authentische Weise den Aufstieg dieser Familie über Generationen nachzeichnet, exemplarisch für die neueren Entwicklungen in Chinas ländlichem Raum.

Weitere Veröffentlichungen: Land der Mitte – Impressionen aus einer anderen Welt (2017). ISBN: 978-3-95840-570-7.

Dieses Buch ist 2018 auch in der chinesischen Übersetzung erschienen.

 

 

Verlinkungen:

Meine Webseite: www.landdermitte.com

Email: landdermitte@gmx.net

Facebook: https://www.facebook.com/MGoerk/

YouTube: https://www.youtube.com/user/playlist10100

 

Ich freue mich auf weitere Gastbeiträge.

Außerdem: Mehr zu China und der Autorentätigkeit von Simone Harre auf

www.simoneharre.com

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Wulf Noll (Montag, 30 September 2019 10:36)

    Einen Dank an den Manfred Görk für seinen Beitrag zu den Menschenrechten in China, der Artikel ist auch eine Argumentationshilfe für mich, um diesen an schwatzende Landsleute, die alles besser wissen, obwohl sie nie in China waren, weiterzuleiten. Man hätte noch erwähnen können, dass China an der UN-Charta der Menschenrechte selbst mitgewirkt hat. Dem chinesischen Interesse zufolge, gibt es auch ein kollektives Menschenrecht, das dem hemdsärmeligen Individualrecht entgegengesetzt ist.

    Wulf Noll, Düsseldorf

  • #2

    r.wadel (Montag, 30 September 2019 14:01)

    Apropos Bildung: Wie sieht es mit dem Menschenrecht auf Bildung für die Kinder von Wanderarbeiter in den Städten aus? Gehen von denen auch 95.5% auf eine Grundschule?

  • #3

    r.wadel (Montag, 30 September 2019 14:05)

    @ Wulf Noll: Sie wollen ernsthaft behaupten China hat an der UN- Charta mitgearbeitet? Welches China war das? Die Volksrepublik sicher nicht.

  • #4

    Peter Meier (Montag, 30 September 2019 22:00)

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