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Wulf Noll: China neu entdecken

Wulf Noll: China neu entdecken


 

»China, die aufstrebende Wirtschaftsmacht im Fernen Osten wird in unseren Medien hauptsächlich kritisch abgehandelt. Doch wie sieht das Land, wie sehen die Menschen hinter dieser Fassade, hinter ihrer Regierung, der imaginären Mauer, die das Land umgibt, eigentlich aus?«


So fragt Simone Harre in ihrem neuen Buch China, wer bist du? und so fragt sie überhaupt auf ihrer neuen Website, die sich China, seinen Menschen und seiner vielfältigen und grandiosen Kultur widmet. Ich stimme Harre zu; China auf die Spur zu kommen, hinter die Fassade, besser, hinter den Schleier zu blicken, ist mehr als notwendig.


Aber wer kann das leisten? Wirtschaftsleute sind in größerer Zahl in China, aber sie schreiben nicht. Zwar bereisen immer mehr westliche Touristen das Land, die im Gespräch Kunde von den vielen Veränderungen bringen, aber sie schreiben allenfalls Postkarten oder Mails, jedenfalls keinen journalistisch oder literarisch anspruchsvollen Text. Wenn sich zuweilen Leute aus etablierten Kultureinrichtungen zu Wort melden, wirkt dieses Wort oft grau und schemenhaft oder erstirbt auf der Zunge. Zumeist sind Bildungsträger und Institutionen Garanten für statistische Langweiligkeit. Junge, engagierte Bildungsreisende aus der Indie-Szene, der unabhängigen und freien Szene, könnten oder müssten sich zu Wort melden. Tun sie zuweilen. Eine solche Bildungsreisende und ›Zauberin‹, ja, ›Magierin‹, ist die Autorin Simone Harre, und ich bin es auch, aber nicht mehr ganz so jung… :)) Doch ich bin unvoreingenommen und offen, von den jungen Leuten in China und von der frischen und unkonventionellen Schreibweise Simones fasziniert.

Einiges Positives, Anregendes und Zauberhaftes gibt es freilich zu lesen, da ist das literarische, auf China bezogene Werk von Wolfgang Kubin, das ist große Klasse. Auch die Erzählungen Christian Y. Schmidts, der einstmals Titanic-Redakteur war, sind nicht schlecht, also gut, ich denke besonders an seinen Reiseroman Allein unter 1,3 Milliarden. Eine chinesische Reise von Shanghai bis Kathmandu (2008). Anno 2019 dürften es 1,4 Milliarden Chinesen sein… Da es mir aus fast heiterem Himmel heraus vergönnt war, mehrjährig als Schriftsteller in China zu leben und zu arbeiten, hat mich die Entdeckerfreude hinsichtlich des Landes ebenfalls mächtig ergriffen. Als Schriftsteller war ich zugleich Universitätslehrer für deutsche Sprache und Literatur. Im Umgang mit jungen Leuten, mit Studentinnen und Studenten auf dem Campus, auf gemeinsamen Reisen und in Homestays konnte ich sehr viel über das neue und junge China erfahren. Diese Zeit, 2009-2011 an der Universität Ningbo, 2012 auf Chinareise (auch in der Inneren Mongolei) und 2017 als Poetik-Dozent an der Ocean University of China in Qingdao, veränderte mein China-Bild und inspirierte mich zum nachhaltigen Schreiben über China.  

Was ist in China anders? Zunächst sind die jungen Leute, mit denen ich so viel zu tun hatte, anders; sie sind charming, gut gebildet, mit ansprechenden, freundlichen Umgangsformen, trotzdem selbstbewusst, hilfsbereit und so offen kommunikativ, wie ich es sonst kaum in einem anderen Land erlebt habe. Das Unterrichten hat mir ein anhaltendes Vergnügen bereitet. Die StudentInnen waren unerwartet weltoffen, belesen und aufgeschlossen. Mit Verwunderung lernte ich von ihnen Wörter wie »Bildungsfleiß« und »Bildungsglück«. Es war einfach eine Freude mit den jungen Leuten zusammen zu sein. Die ChinesInnen sind Südländer, zumindest wenn sie unterhalb des Yangtze leben, welcher das Land schematisch in Nord- und in Südchina teilt. Das heißt, die SüdchinesInnen haben Temperament, und die NorchchinesInnen haben es auch… »Untoll«, langweilig und stupide sind dagegen meine Landsleute, triste deutsche Germanen mit tief verschrobenen politischen Ansichten, so falsch und so verquer, wie man sich das kaum vorstellen kann.

Da ich lange Zeit in den 1980er und 90er Jahren in Japan lebte und arbeitete, fiel mir die Bezeichnung »Crystal Kids« für die dortige junge Generation wieder ein, aber die Kids im heutigen China sind noch amüsanter. Ohne Frage sind sie eine »in den Honigtopf gefallene Generation«, wie die älteren Chinesen sagen. Aber ich fand einen eigenen Begriff, um die jungen Leute zu charakterisieren, nämlich BYD-Generation: BUILD-YOUR-DREAM-GENERATION. Jede und jeder bastelt an ihrem/seinem Traum, nicht nur allein, sondern öfter offenherzig kollektiv, immer reisefreudig, bildungsbeflissen, emanzipativ und v.a. gleichberechtigt, was das Verhältnis der Geschlechter anbelangt. Ich merke gern an, dass die jungen Frauen die jungen Männer nicht selten an Elan und an Intelligenz deutlich übertreffen.

Übertreffen? China, das wirtschaftlich und kulturell zu seiner alten Größe und zu seiner geschichtlichen Bedeutung zurückgefunden hat, übertrifft so manches. Die krude DDR und der Ostblock waren und sind kein Vergleichsmaßstab, sind aber mit ein Grund für den getrübten Blick der meisten Deutschen. China nach der Millenniumswende wollte »Chimerica«, wollte besser als die USA sein, was die »Trumpisten«, die seit 2017 in den USA an der Macht sind, zu ihrem Wutgeheul und zu einem Wirtschaftskrieg veranlasste: »Make America great again«, »America first«, was bedeuten mag, dass Amerika längst »second- oder third-rate« ist, zumindest, was seine Politiker anbelangt. Es gibt m.E. keine »gelbe Gefahr«, eher eine amerikanische Gefahr, man muss bloß auf den Nahen Osten und auf die sonstigen amerikanischen Weltordnungsvorstellungen blicken. Auf einen solchen Amerika-, wie auch Europa- und Germanozentrismus lässt sich gern verzichten. Das gälte für einen möglichen Chinazentrismus ebenso, obschon ich diesen auf so bornierte Weise nicht kennen gelernt habe.

Ressentiments dieser Art spielen im Hintergrund mit, aber mein Interesse ist ein kulturelles und literarisches. Kulturschaffende wollen nicht anheizen, sie wollen Botschafter der kulturellen Verständigung sein. Das gelingt noch, die Menschen vor Ort sind friedlich, sie gestalten ihr Leben, sie können vergnügt und sogar auf interkulturelle Weise fröhlich ineinander verliebt sein, wovon »internationale Ehen« zeugen. »Nur der Teufel trägt Prada«, aber das ist ein Witz, der gilt nicht.

 

Inzwischen konnte ich zwei große China-Erzählungen veröffentlichen: Schöne Wolken treffen – eine Reisenovelle aus China (2014) und Drachenrausch. Flanieren in China (2019). Ein drittes umfangreiches  Manuskript liegt in meinem österreichischen Bacopa-Verlag. ‒ In den minima sinica. Zeitschrift zum chinesischen Geist veröffentlichte ich zudem seit 2014 zahlreiche Artikel und Erzählungen.

 

(Doch davon ein anderes Mal mehr...) ... zunächst: Ihr Wulf Noll!



 

Wulf Noll, gebürtig aus Kassel, wohnhaft in Düsseldorf, arbeitete als Lektor für deutsche Sprache und Literatur langjährig an japanischen und chinesischen Universitäten und veröffentlichte Erzählungen, Romane, Lyrik und Essays, die sich zu großen Teilen auf Fernost beziehen. Seit 2014 beteiligt er sich mit Beiträgen an minima sinica. Zeitschrift zum chinesischen Geist. 2017 Poetik-Dozentur an der Ocean University of China in Qingdao. Noll ist Mitglied im Internationalen PEN, Zentrum Deutschland. Mit China-Bezug erschienen zuletzt: Im Jahr des Pegasus. Asiatische Impressionen, Düsseldorf 2014, Schöne Wolken treffen – eine Reisenovelle aus China, Eutin u. Plön 2014 sowie Drachenrausch. Flanieren in China, Schidlberg/Österreich. Der österreichische Bacopa Verlag hat einen Schwerpunkt auf Literatur aus China und über China gesetzt.



Liebe Leser und Chinainteressierte, diese Seite soll dazu anregen, China neu zu denken und zu sehen und hinter den Vorhang der Medien zu blicken. Ich freue mich daher über Beiträge von Menschen, die wie ich daran interessiert sind, eine echte Brücke zwischen Deutschland, bzw. dem Westen und dem Land der Mitte zu bauen. Einsendung unter simoneharre@aol.com

 

Vielen Dank, Ihre Simone Harre

 

Mehr über mich: www.simoneharre.com

 


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