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Hans-Günther. Wenn man vom Sommer träumen muss.

Ein Sommertraum


Es war im Sommer gewesen und ich habe ziemlich viel Espresso getrunken. Es war ein heißer Sommer mit schwülen Nächten und flirrenden Bettlaken. Ein Sommer, in dem ich nackt war. In dem ich nachts träumte und mich morgens von Karl Presto bescheinen ließ. Es war auch der Sommer, in dem ich Hans-Günther einen Namen gegeben habe. Ich weiß nicht, ob es Liebe war, aber es war warm und anregend wie der Espresso, den ich allmorgendlich gierig in mich hinein schlürfte, ganz so als sei dieser alleine schon ein Kompliment an mein Herz gewesen.
Vermutlich war ich süchtig nach Karl Prestos Anblick, denn obgleich die Allüren eines Pfaus, war er doch schön und dunkel. Ein großes Kind. Die weite unbeschwerte Campagnia und eitel wie die römische Vergangenheit. Mit ebenso viel Pomade im Haar wie Zucker in meinem Espresso. Sein flötendes Ciao Bella! riss mich routiniert aus der zähen Schläfrigkeit und die braunen Flüssigkeiten, die er uns mit schlanken Fingern tänzelnd servierte, holten uns sanft und frisch aus unseren Träumen. Ich war nicht verliebt in Karl Presto, aber ich liebte es, ihn anzusehen. Das Klischee und die Heiterkeit und sogar die erhöhten Absätze an seinen glänzenden Designerschuhen. Ich lernte jeden Morgen zu lächeln.
Karl Presto sagte, seine Hände seien nicht gemacht für Käseschüsseln und Pizzateig. Nein, sagte ich, durchaus nicht. Milchschaum und Amaretto stünden ihm besser zu Gesicht. Sicher, das fand ich auch. Ich sagte nicht, dass seine Hände auch wie gemacht für meine Bettlaken seien, nein, denn ich war ja nicht verliebt. Doch in meinen Ohren klangen manchmal süße Komplimente, hausgemacht und schwül wie der nächtliche Sommer.
Es war ein hübsches Café, in dem wir unser Zuhause fanden. Klein, elegant und schlicht. Eine Zwillingsschwester von Karl Presto könnte man meinen, nur ohne Brusthaar. Und mit Schwingtüren. Ich liebe Schwingtüren und ich liebte es, morgens die anderen Espressotrinker zu beobachten und gemeinsam mit ihnen zu erwachen. Ich sah ihnen zu, wie sie langsam gesprächig wurden und staunte über die leichte Espressoröte, die jeden Morgen verlässlich in ihren Gesichtern aufstieg. Erst rund und klein, dann sich allmählich ausbreitend.
Ich kannte schon bald alle anderen vom Sehen. Kannte Hermann, den Kunstschmied, dessen Gesicht wie ein zur Mitte hin spitz zulaufendes Dreieck mit einem abfallenden Kinn war. Wenn er den Mund an die kleine Tasse setzte, sah es aus, als würde ein Fisch Blasen ins Wasser blubbern. Er war immer sehr blass und hatte den Espresso bitter nötig. Manchmal blieb mein Blick an ihm hängen und ich konnte ihm ansehen, dass auch er gerne einmal ein Ciao bella gehört hätte. Manchmal hörte ich wie er mit Karl Presto über italienisches Kunsthandwerk debattierte. Er sagte, er gedenke, eine Knoblauchranke aus Eisen zu schmieden. Ob Karl Presto Interesse hätte? Doch Karl Presto hielt dies für eine Anspielung und schimpfte, er würde durchaus nicht nach Knoblauch riechen und wenn, dann sei es Luigis Schuld, denn der sei Pizzabäcker und leider sein Bruder. Manchmal mischte sich Gregorius ein, Geschäftsführer eines Fitnessladens für Ladys ab Mitte dreißig. Er war groß und breit und hatte einen Schwung in seinen Augen, dass er die verspielte und optische Präsenz Karl Prestos gar nicht nötig hatte. Wenn Gregorius sich einmischte, fand Karl Presto alles fantastico, was der Kunstschmied sagte. Und außerdem würden ja alle mal nach Knoblauch riechen. Aber Frauen? Spätestens dann hatte auch Wanja Alberta etwas zu sagen, eine hoch gewachsene Mittvierzigerin mit strähnigem Haar und einer großen roten Brille. Expornodarstellerin, nun frisch gebackene Besitzerin eines Secondhandladens. Warum denn Frauen bitteschön nicht nach Knoblauch riechen dürften? Alle Menschen dürften nach Knoblauch riechen. Auch Großmütter und Mädchen. Mädchen nicht, entschied Karl Presto spitz, denn die würden nur nach Himbeere riechen, immer, und dabei sah er zu mir. „Ach, der spinnt ja!“, rief dann Wanja Alberta empört aus, zuckte mit ihren grob geschminkten Lippen und bestellte einen weiteren Espresso. Einen mit Milchschaum. Und Hermann, der Kunstschmied, flocht zaghaft ein, dass er statt Knoblauch auch Chiantireben schmieden könnte. Schöne kleine Chiantireben. Süße Träubchen! Und dass das für Karl Presto die Gelegenheit sei. Dabei sah er Karl Presto mit seinen wässrigen Augen flehend an. „Träubchen!?“, empörte sich Karl Presto, er sei doch nicht schwul. Wieso er denn nun Träubchen gesagt habe und nicht einfach Trauben?
In diesen Momenten hörten wir dann oft ein Knurren und Brummen, das aus einem hinteren Winkel des Cafes nach vorne drang, ja, geschoben wurde wie eine Fliegenklatsche. Es war Meister Bert, der Busfahrer, der mit keinem von uns was zu tun haben wollte und die morgendliche Stille alleine liebte. Wir sollten aufhören mit diesem Bullshit, feixte er und dann empörten sich alle gemeinsam gegen ihn. Karl Presto und Wanja Alberta, Gregorius und Hermann, der Kunstschmied. Dann solle er doch woanders einen Espresso trinken gehen. Hierin waren sie sich einig. Das würde er auch tun. Ein großes Gemurmel erschallte, die Wangen erglühten noch mehr. Das Adrenalin war langsam startklar. Der Tag öffnete sich. Meister Bert blieb. Ja, wir waren eine große Espressotrinkerfamilie. Vielleicht war ich die Stillste von ihnen. Hielt mich mehr im Hintergrund, lächelte in die aufgeregten Sprechblasen hinein, versank hin und wieder heimlich im Anblick Karl Prestos und überflog meine Handouts für den Tag. Vor allem aber beobachtete ich sehr genau jeden einzelnen der Gäste. Einen von ihnen, einen ebenso stillen und von den anderen weitestgehend unbemerkt Gebliebenen, hatte ich schon lange im Auge. Er war ganz anders als Karl Presto. Nicht drahtig und pomadig, sondern grau und finster. Ein Intellektueller, der ernst und konzentriert den morgendlichen Koffein einzusaugen pflegte und den Rauch seiner Zigarette in den Raum pustete, so als erwarte er, dass sich aus den Schwaden kleine geisterhafte Formationen bilden würden, welche die Welt erklärten. Vermutlich vornehmlich links. Das war klar. Eines Tages hatte er an meinem Tisch Platz genommen. Ich fand, dass er interessant aussah. Auch aus nächster Nähe. Vielleicht war es aber auch die Melancholie in seinem Blick, die mich berührte, ja aus nächster Nähe sogar ein wenig elektrisierte. Er war ziemlich hager und strahlte eine fast grobe Distanz aus. So lange er von mir entfernt war. Nun, da er neben mir saß, hätte ich gerne über seine großen Hände gestrichen. Von mir nahm er nicht weiter Notiz. Er zündete sich eine Zigarette an, nippte wie alle an seinem Espresso und blies den Rauch auf die Bücher, die vor mir lagen. Bücher über die griechische Antike und Goethes Sturm und Drang, nun eingehüllt in eine lässige Nebelwolke. Ich sah seinen spöttischen Blick. Ein Studienabbrecher, dachte ich, ein verkanntes Genie. Einer, der keine Bücher mehr nötig hatte. Ich fragte ihn, wie er heiße. Er schaute mich überrascht an, so als hätte ich gefragt, ob er nachts mit Socken schlafen würde und eine hysterische Stimme rief zu uns herüber - es war Wanja Alberta: „Vergiss es Schätzchen, der hat keinen Namen!“ und dann hörte ich sie alle tuscheln. Sie nannten ihn Den Namenlosen, weil er niemals mit ihnen sprach. „Sie haben also wirklich keinen Namen?“, fragte ich und folgte seinem Rauchwolkenblick. Ich glaube, er war stolz auf seine Melancholie. Er wollte ein wenig tragisch sein, ein einsamer Held. Aber ich fand das nicht nur elektrisierend, ich fand das auch sehr amüsant. Aus den Augenwinkeln sah ich Karl Presto neugierig herüber spähen und ahnte kleine missbilligende Blicke. Er musste mit ansehen, wie dieser stumme Fremde ohne Aufhebens seiner Eitelkeit den Rang ablief und sicher hätte er sich gerne eingemischt, aber Wanja Alberta bestellte geschickt in diesem Moment laut flötend noch einen Espresso und die Espressomaschine machte zu viel Lärm um uns zu belauschen.
„Gut, wenn Sie noch keinen Namen haben,“ sagte ich unbeirrt und breit lächelnd, „dann nenne ich Sie eben Hans-Günther.“ Es sollte ein Scherz sein. Eine kleine Rache für die geringschätzigen Blicke auf meine gelehrten Bücher. Und sah ihm ins Gesicht. Eine spöttische Antwort erwartend, eine hochgezogene Augenbraue, einen verachtenden Blick oder irgend etwas dergleichen. Aber der Namenlose schaute mich einfach nur ebenfalls an, wir maßen uns, ziemlich lange, dann trat ein ganz kleines Flackern in seine matten Augen und er grinste. Es war ein amouröses Grinsen. Fand ich. Und es gefiel mir. „Hans-Günther!“, wiederholte er. Pustete erneut Rauch aus Nase und Mund. „Das klingt gut, das klingt wirklich gut!“
Und so wurden wir Freunde. Hans-Günther und ich. Wir gingen manchmal ins Kino und morgens tranken wir von da an schwatzend unseren Espresso zusammen. Mehr nicht. Aus seinen Augen wich allmählich die Melancholie. Er wurde nach und nach einer von uns und ich mochte ihn.
Ich mochte ihn bald sogar mehr als Karl Presto. Auch füllte er meine nächtlichen Bettlaken mehr und mehr mit Phantasie an und gab der flirrenden Schwüle des Sommers ein ernsthaftes Gesicht. In einer dunklen Nacht haben wir uns geküsst. Es war unvermeidlich. Mein Gesicht in seinen Händen. Ich weiß, dass ich zitterte. Die Dunkelheit verdeckte sein Antlitz. Ich küsste die Nacht. Tabak und Wein.
Es war ein Abschiedskuss, denn er kam nie wieder.
Der Namenlose tauchte nie wieder in der Espressobar auf, hat sein Grinsen und seine Melancholie mit sich fort getragen und mich und alle anderen allein zurück gelassen. Den Winter vorwegnehmend. Fülle.
Ich war nicht traurig. Nein, ganz gewiss nicht, sah zu Karl Presto, schlürfte meinen Espresso, ertränkte in ihm ein paar kleine, doch warme, Sommertränen, hörte Wanja Alberta über die Vorteile von Waschnüssen sprechen, Hermann einen eisernen Olivengarten planen, Gregorius mit einer blonden Fitnessbraut flirten und Meister Bert fluchen. Ich dachte mir, nur gut, dass ich ihm noch einen Namen auf seinen Weg mitgegeben habe. Hans-Günther.




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